Heed & Deem

Framework-Guide v1.0

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Definition

Heed & Deem ist ein persönliches Fokus-Framework für den einzelnen Wissensarbeiter. Jeden Tag heeden: bewusst auswählen, was heute zählt. Jeden Tag deemen: reflektieren, was es wert war. Beides zusammen macht nachweisbar, wofür die wichtigste Arbeitszeit wirklich eingesetzt wurde.


1. Die Methode

Heed & Deem baut auf zwei Bewegungen, die zusammen einen vollständigen Arbeitstag beschreiben.

Heed ist die erste Bewegung: bewusst auswählen, was heute zählt. Welche wenigen Dinge verdienen heute die Fokuszeit? Was bleibt bewusst draußen? Diese Entscheidung findet einmal täglich statt, bevor der Tag beginnt.

Deem ist die zweite Bewegung: reflektieren, was es wert war. Was hat diese Aufgabe gebracht? Was zeigen die Muster über Wochen? Dieser Rückblick findet beim Abschluss jeder Aufgabe statt und verdichtet sich über Zeit zu einem ehrlichen Bild der eigenen Arbeit.

Beide Bewegungen sind vollständig und untrennbar. Wer nur heedet, plant ohne Rückblick. Wer nur deemet, reflektiert ohne bewusste Auswahl. Erst zusammen ergeben sie die Methode.

Die Methode ist das Framework. Was in den folgenden Abschnitten beschrieben wird, ist die Ausführung dieser zwei Bewegungen: die Regeln, Kern-Elemente und Metriken, die beschreiben, wie man heedet und deemet.


2. Die Werte

Zwei Grundhaltungen tragen das Framework. Ohne sie funktioniert die Methode nicht.

Auswahl vor Vollständigkeit. Was bewusst rausbleibt, ist genauso eine Entscheidung wie was reinkommt. Heed & Deem ist kein Archiv. Es erfasst nicht alles, was getan werden könnte. Es wählt aus, was heute zählt.

Selbstreflexion. Deem bedeutet, die eigene Arbeit selbst einzuschätzen. Kein externes Urteil, kein Vergleich mit einer Norm, kein Score. Der Architect schaut ehrlich zurück. Die Metriken beschreiben, was war. Sie bewerten die Person nicht.


3. Die Rolle: Architect

Im Heed & Deem Framework agiert der Wissensarbeiter als Architect. Er baut die Brücke von der Welt der Team-Methoden zu seiner eigenen Praxis. Er übernimmt, was aus der agilen Teamarbeit für den Einzelnen trägt: bewusste Auswahl, ehrlichen Rückblick, Messschicht. Er lässt weg, was für Einzelpersonen keinen Wert hat: keine Meetings, keine Abstimmungszeremonien, keine doppelte Datenpflege.

Der Architect heedet jeden Tag. Und er deemet jeden Tag. Beides zusammen ist die vollständige Methode.


4. Das Fundament: Selektion vor Vollständigkeit

Die Tagesauswahl ist eine Auswahl, kein Archiv.

Es geht nie darum, alle Aufgaben oder Projekte zu erfassen. Es geht darum, die wenigen bedeutsamen Themen des Tages auszuwählen und den Rest bewusst nicht aufzunehmen.

Was in die Tagesauswahl gehört: Projektarbeit, Veränderungsthemen, Recherche, Konzeption, Dokumentation, strategische Themen und bedeutsame Aufträge von außen, die neben dem Tagesgeschäft erledigt werden müssen.

Was nicht in die Tagesauswahl gehört: Routinearbeit. Tickets, Mails, Anrufe, Routine-Meetings. Die normale Alltagsarbeit, für die die Rolle ohnehin existiert, kommt nicht in die Tagesauswahl.

4.1 Der Kalender-Test

Das operative Kriterium:

In die Tagesauswahl kommt, was du dir im Kalender blockieren würdest.

Niemand blockiert sich "Mails beantworten". Aber "Konzept für Abteilung X" oder "Recherche zu Thema Y" blockiert man sich. Der Kalender-Test ersetzt jede komplizierte Wichtigkeits-Definition durch eine Intuition, die jeder Wissensarbeiter bereits hat.

Achtung

Die häufigste Falschanwendung: Wenn Routinearbeit in die Tagesauswahl wandert, kippt Heed & Deem zurück in genau die endlose Liste, die es abschaffen will. Die Tagesauswahl wird zum Backlog, die Decke platzt, die Messwerte werden unehrlich. Im Zweifel gilt die strenge Lesart: Würde ich mir dafür wirklich einen Kalenderblock reservieren? Wenn nein, bleibt es draußen.

4.2 Fokuszeit und Routinearbeit

Aus dem Kalender-Test ergibt sich die Grundunterscheidung des gesamten Systems.

Fokuszeit ist die bedeutsame, bewusst ausgewählte Arbeit in der Tagesauswahl.

Routinearbeit sind Tickets, Mails, Anrufe, Routine-Meetings. Sie kommt nicht in die Tagesauswahl.

Eine leere Tagesauswahl ist kein Versagen. Wenn die Routinearbeit einen ganzen Tag verschlingt, bleibt die Tagesauswahl unbearbeitet. Das ist kein Scheitern, sondern ein Signal, dass die Routinearbeit den Tag dominiert hat.

Die Heed & Deem-Metriken bewerten ausschließlich die Qualität der Fokuszeit, nicht den ganzen Tag. Eine perfekte Fokusqualität auf zwei Stunden Fokuszeit in einem zehnstündigen Routinearbeitstag ist eine andere Aussage als dieselbe Qualität auf acht Stunden. Wer den ganzen Tag beurteilen will, muss zusätzlich wissen, wie groß die Fokuszeit im Verhältnis zur Routinearbeit war.

4.3 Das Zusammenspiel mit Team-Boards

Heed & Deem operiert als persönliches Sub-System unterhalb von klassischen Team-Frameworks wie Scrum oder PMBOK. Es ist kein Ersatz für diese Frameworks. Sie lösen Mehr-Personen-Koordination. Heed & Deem löst ein Selbstführungs- und Nachweisproblem für eine einzelne Person.

Für das Zusammenspiel gilt eine strikte Trennung:

Das Team-Board bestimmt das WAS. Ein Jira-Ticket, ein Sprint-Backlog-Eintrag oder eine Meilenstein-Vorgabe ist ein autorisierter Arbeitsauftrag. Heed & Deem filtert am Eingangscheck nicht, ob ein valides Projektticket umgesetzt wird. Besteht das Ticket den Kalender-Test, gehört es legitim in die Tagesauswahl.

Die Tagesauswahl bestimmt das WIE. Das Jira-Ticket wird für die Tagesauswahl in tagesgroße, funktionale Aufgaben zerlegt.

Erscheint reine Routinearbeit als Ticket, besteht es den Kalender-Test nicht und bleibt Routinearbeit.

Die Metriken dienen nicht der Verweigerung zugesagter Team-Arbeit. Sie liefern die Grundlage, um die eigene reale Kapazität in künftige Planungen fundierter einzubringen.

Die Grenze nach oben: Heed & Deem plant den Tag. Die übergeordnete Wochen- oder Vorhabensrichtung bringt der Architect mit. Sie ist bewusst nicht Teil von Heed & Deem.


5. Framework-Aufbau: Kern, Module, Optionale Elemente

Heed & Deem ist eine einheitliche Methode mit klar definierten Grenzen. Es gibt drei Ebenen.

Ebene 1: Der Kern - verpflichtend für jeden. Ohne diese sechs Elemente ist es kein Heed & Deem:

  1. 1Selektion vor Vollständigkeit (Kalender-Test, Abschnitt 4)
  2. 2Die Tagesauswahl als linearer Tagesplan, nur eine Position aktiv (Abschnitt 6.1)
  3. 3Aufgaben mit einem Ergebnis, heute abschließbar (Abschnitt 6.2)
  4. 4Das Eingangscheck als Eingangstor (Abschnitt 6.4)
  5. 5Die vier Tag-Achsen und die Metriken darüber (Abschnitte 7 und 8)
  6. 6Die Unterscheidung Fokuszeit und Routinearbeit (Abschnitt 4.2)

Ebene 2: Kontext-Module - je nach Arbeitskontext Pflicht oder irrelevant. Diese sind nicht optionales Beiwerk, sondern für bestimmte Arbeitskontexte methodisch notwendig und für andere überflüssig: die Routinearbeit-Auswertung (Abschnitt 8) und die Kategorie (Abschnitt 7).

Ebene 3: Optionale Elemente. Die Liegedauer-Regel als Hygiene-Konvention (Abschnitt 6.5).

Das Sparsamkeits-Prinzip

Damit der Kern minimal bleibt, gelten zwei feste Regeln.

Die vier Tag-Achsen sind abgeschlossen. Es gibt keine fünfte Pflicht-Achse, niemals. Jede weitere Auswertung muss entweder aus den vier Achsen ableitbar sein oder ein optionales Etikett sein. Das schützt das Drei-Sekunden-Tagging vor schleichendem Aufwand.

Aufnahmekriterium für den Kern: Eine Sache darf nur dann Kern sein, wenn sie für jeden Arbeitskontext gilt und Heed & Deem ohne sie nicht funktioniert. Alles Kontextabhängige ist per Definition ein Kontext-Modul.

Die zwei Kontext-Dimensionen

Die Kontext-Module werden durch zwei voneinander unabhängige Dimensionen gesteuert.

Dimension 1: Kalenderhoheit. Wie frei ist die Person, ihren Arbeitstag selbst zu gestalten?

Bei hoher Kalenderhoheit (wenig Routinearbeit, eigenbestimmter Tagesrhythmus) ist die Routinearbeit-Auswertung optional. Bei geringer Kalenderhoheit (Führung, Support, koordinierende Rollen) ist die Routinearbeit-Auswertung methodisch notwendig. Ohne sie bleibt die eigentliche Fremdbestimmung unsichtbar und der Fremdanteil ist nicht ehrlich lesbar.

Dimension 2: Kontext-Pluralität. Arbeitet die Person für einen oder mehrere Kontexte?

Bei einem Kontext ist die Kategorie optional. Bei mehreren Kontexten (Freelancer, Berater, Projektleiter mit parallelen Vorhaben) ist die Kategorie methodisch notwendig. Ohne sie fehlt die Zuordnung, die der Wirkungsnachweis pro Kontext braucht.

KalenderhoheitKontext-PluralitätAktive Kontext-Module
HochEin KontextKeine (Kern genügt)
HochMehrere KontexteKategorie
GeringEin KontextRoutinearbeit-Auswertung
GeringMehrere KontexteRoutinearbeit-Auswertung und Kategorie

Zwei Nutzen mit unterschiedlicher Frist

Heed & Deem liefert seinen Wert auf zwei Ebenen, die sich zeitlich versetzt einlösen.

Ab Tag 1 entsteht die Entlastung durch die Struktur: Selektion vor Vollständigkeit, die enge Decke, die eine aktive Position, die Routinearbeit bleibt draußen. Diese Erleichterung spürt man am ersten Tag, ganz ohne Auswertung.

Über Zeit entsteht die Einsicht durch die Messschicht. Die vier Tag-Achsen und die Metriken entfalten ihren Wert erst über Wochen, wenn genug Historie da ist, um Muster zu zeigen. Das Tagging ist am Anfang ein Drei-Sekunden-Reflex beim Abhaken. Sein Nutzen wächst mit der Länge der eigenen Historie.

Der Einstieg lebt von der Struktur, nicht von der Messung.


6. Die Kern-Elemente

6.1 Die Tagesauswahl

Die Tagesauswahl ersetzt den unendlichen Backlog durch einen strikt begrenzten Tagesplan.

Standard sind vier Aufgaben pro Tag, im Korridor drei bis fünf, als Obergrenze, nicht als Soll. An vielen Tagen sind es weniger. Die Decke ist eine bewährte Heuristik im Bereich dessen, was das Arbeitsgedächtnis verlässlich hält - Forschung zum Arbeitsgedächtnis zeigt eine individuelle Kapazität von drei bis fünf Einheiten, mit vier als robustem Mittelwert. Wer bewusst enger arbeiten will, senkt sie. Über fünf hinaus geht sie nicht. Wirksam ist nicht die Zahl, sondern die harte Decke, die zum Auswählen zwingt.

Zu jedem Zeitpunkt ist nur eine Position aktiv. Keine parallele Arbeit. Die Positionen werden von oben nach unten abgearbeitet.

Was an einem Tag nicht geschafft wird, wird am nächsten Tag neu ausgewählt. Es wandert nicht automatisch mit. Jeder Tag beginnt mit einer bewussten neuen Auswahl.

Die Auswahlsitzung findet einmal täglich statt, wahlweise am Vorabend oder am Morgen. Der Vorabend hat einen strukturellen Vorteil: Die Auswahl trifft man vor dem Handlungsdruck des nächsten Tages, nicht unter ihm. Es gibt keinen automatischen Übertrag - jede Auswahl ist eine neue, bewusste Entscheidung.

6.2 Aufgaben: ein Ergebnis pro Aufgabe

Jede Position enthält eine Aufgabe. Die Schnittregel ist keine Zeitschätzung, sondern eine Ergebnis-Frage.

Eine Aufgabe ist richtig geschnitten, wenn sie genau ein konkretes, benennbares Ergebnis produziert. Eine Sache, von der man nach Erledigung sagen kann: "Das ist jetzt fertig."

"Feature X bauen" produziert kein einzelnes Ergebnis und wird zerlegt. "Login-Maske implementieren" produziert eins.

Die zweite Frage: heute abschließbar? Ein benennbares Ergebnis allein genügt nicht. "Auth-Service refactoren" hat ein klares Ergebnis, ist aber zu groß für einen Tag und wird zerlegt ("Modul A", "Modul B", "Tests"). Das ist eine Ja/Nein-Grenze, keine Stundenschätzung.

Auch Recherche, Analyse und Konzeption lassen sich fast immer in Schritte zerlegen, die je ein Ergebnis hinterlassen. Lässt sich ein Denkschritt ausnahmsweise nicht in ein lieferndes Ergebnis schneiden, ist die festgehaltene Erkenntnis selbst das Ergebnis. Auch ein "hat sich nicht bestätigt" ist ein vollwertiger Abschluss.

6.3 Mehrtages-Arbeit

Eine große Sache, an der über mehrere Tage gearbeitet wird, ist kein Projekt mit Unterstruktur. Sie ist eine Kette einzeln geschnittener Aufgaben, von der jeweils nur die nächste in der Tagesauswahl existiert. Das Vorhaben existiert im Kopf des Architects und in der Kette erledigter Aufgaben, nicht als Hierarchie.

6.4 Das Eingangscheck

Eine Aufgabe kommt erst in die Tagesauswahl, wenn sie das Eingangscheck passiert hat. Die Aufnahme ist dreistufig:

  1. 1Kalender-Test: Gehört das überhaupt in die Tagesauswahl? Würde ich mir dafür Zeit blocken? Routinearbeit scheidet hier aus.
  2. 2Ergebnischeck: Produziert es genau ein benennbares Ergebnis? Wenn nein: zerlegen.
  3. 3Tagescheck: Passt es in einen Tag? Wenn nein: in eine Kette von Tagesaufgaben zerlegen.

Aufnahme-Logik: Kalender-Test, dann Ergebnischeck, dann Tagescheck, dann erste freie Position.

6.5 Das Wartend

Wenn eine aktive Aufgabe heute nicht abschließbar ist, gleich aus welchem Grund, wandert sie ins Wartend. Sie verlässt die Tagesauswahl sofort und gibt die Position frei. Die nächste Aufgabe rückt nach.

Das Wartend ist kein Backlog. Es nimmt nur auf, was das Eingangscheck bereits bestanden hat und dann steckenblieb.

Bei der täglichen Auswahlsitzung wird das Wartend gesichtet: Was noch objektiv blockiert ist, bleibt. Was erledigt oder hinfällig ist, wird verworfen.

Liegedauer-Regel (optional)

Wer eine Aufgabe seit mehr als sieben Tagen im Wartend sieht, sollte sie prüfen: reaktivieren oder streichen. Das ist kein Stichtag, an dem etwas automatisch geschieht, sondern ein Anlass zur Überprüfung.

6.6 Not-Einschub

Tritt mitten am Tag eine bedeutsame fremdbestimmte Aufgabe auf, darf sie die aktive Position verdrängen. Die laufende Aufgabe wird abgebrochen und zurückgeschoben. Die neue Aufgabe wird auf die erste Position gesetzt und sofort bearbeitet.

Der Not-Einschub ist bedeutsamen fremdbestimmten Aufgaben vorbehalten. Eine eingehende Mail rechtfertigt keinen Not-Einschub.


7. Das Tagging: vier Dimensionen, drei Sekunden

Nach Abschluss jeder Aufgabe erfolgt ein Tagging in vier voneinander unabhängigen Dimensionen. Jede misst etwas anderes. Keine überlappt mit einer anderen.

AchseFrageWerte
WirkungWie viel strategische Wirkung?Viel / Wenig
Art der ArbeitWelche Art von Arbeit?Fokusarbeit / Koordination
AufwandWie viel Energie hat es gekostet?Mühelos / Kraftraubend
AuslöserSelbst gewählt oder von außen?Selbstbestimmt / Fremdbestimmt

Zwei Werte pro Achse, vier Achsen. Das Tagging bleibt eine Drei-Sekunden-Handlung beim Abhaken.

Alle vier Achsen werden erst beim Abschluss getaggt, beim Anlegen wird nichts erfragt. Die Achsen sind diagnostisch: Sie beschreiben die Arbeit im Rückblick, steuern aber keine Auswahl-Entscheidung vorab. Eine Aufgabe kann wenig Wirkung haben und trotzdem heute erledigt werden müssen. Wirkung ist nicht Priorität.

Optional: die Kategorie. Neben den vier Achsen kann eine Aufgabe ein Kategorie-Etikett tragen, die Angabe, zu welchem Kontext sie gehört: ein Kunde, ein Projekt, ein Thema. Sie dient allein der rückblickenden Auswertung. Die Kategorie ist ein Filter-Etikett, kein Planungs-Container. Wer an einem Vorhaben arbeitet, lässt sie weg. Wer mehrere parallel führt, gewinnt damit die Zuordnung, die der Wirkungsnachweis braucht.


8. Die Metriken

Alle Kennzahlen beziehen sich auf die bewusst ausgewählte Fokuszeit in der Tagesauswahl, nicht auf den gesamten Arbeitstag. Heed & Deem misst, wie gut die Fokuszeit eingesetzt wurde.

Diese Zahlen sind Spiegel, keine Ziele. Sobald man eine Kennzahl zur Quote macht, optimiert man die Zahl statt die Arbeit. Ein Wirkungs-Anteil lässt sich mühelos verbessern, indem man Aufgaben mit wenig Wirkung gar nicht erst aufnimmt oder beim Tagging schönt. Der Wert steigt, die Selbstkenntnis sinkt. Die Kennzahlen sind deshalb zusammen zu lesen, rückblickend, als Beobachtung.

Belastbarkeit entsteht erst über mehrere Wochen. Bei wenigen Aufgaben pro Zeitraum sind die Prozentwerte volatil.

Wirkungs-Anteil

Anteil der Aufgaben mit viel Wirkung an der gesamten Fokuszeit. Orientierung: etwa 40 Prozent. Kein zu erfüllendes Soll, sondern eine Schwelle, ab deren dauerhafter Unterschreitung sich eine genauere Diagnose lohnt.

Kein Soll. Eine Schwelle zur Reflexion.
Fremdanteil

Anteil der fremdbestimmten Aufgaben an der Fokuszeit. Der Nenner ist ausdrücklich die Fokuszeit, nicht der ganze Tag. Orientierung: etwa 20 Prozent. Ebenfalls kein Soll, sondern eine Schwelle zur Reflexion.

Der Fremdanteil beantwortet die für das Gespräch nach oben entscheidende Frage: Wie viel meiner bedeutsamen, geblockten Zeit wurde von außen bestimmt?

Nie allein lesen. Immer zusammen mit dem Fokus/Routinearbeit-Verhältnis.
Fokusarbeit-Anteil

Anteil der Fokuszeit, der in konzentrierte Fokusarbeit floss, gegenüber koordinierender Arbeit. Er beantwortet: Komme ich überhaupt zur vertieften Arbeit, oder zerfasert der Tag in Abstimmung?

Abgeleitete Sichten

Diese sind keine eigenständigen Konzepte, sondern Darstellungen, die sich direkt aus den vier Achsen ergeben.

Fremdbestimmt und kraftraubend
Aufgaben, die zugleich fremdbestimmt und kraftraubend waren. Das ist die zermürbende Sorte Fremdbestimmung. Eine mühelose fremdbestimmte Aufgabe zählt nicht dazu.
Viel Aufwand, wenig Wirkung
Aufgaben, die kraftraubend waren und wenig Wirkung hatten. Nicht automatisch schlecht, denn manches muss schlicht getan werden, auch wenn es wenig Wirkung entfaltet. Wirkung ist nicht Priorität.
Wirksam und leicht
Aufgaben mit viel Wirkung und mühelosem Aufwand. Das positive Spiegelbild. Diagnostische Sicht, keine aggregierte Leitkennzahl.

Was die Metriken nicht messen

Wirkungs-Anteil, Fremdanteil und Fokusarbeit-Anteil bewerten ausschließlich die Fokuszeit. Sie sagen nichts darüber, wie groß die Fokuszeit im Verhältnis zum Tag war. Das ist entscheidend für die ehrliche Lesart, besonders bei fremdbestimmten Rollen.

Routinearbeit-Auswertung

Für Rollen, deren Tag stark von der Routinearbeit bestimmt wird, gibt es eine fortgeschrittene Disziplin: die Routinearbeit am Tagesende grob einzuschätzen und auszuwerten. Daraus entsteht das Verhältnis von Fokus- zu Routinearbeit. "70 Prozent meiner Woche fraß die Routinearbeit, nur 30 Prozent blieb für strategische Themen" ist oft das stärkste Argument im Gespräch nach oben.

Diese Disziplin ist optional und an den Kontext gebunden. Rollen mit hoher Kalenderhoheit brauchen sie nicht. Fremdbestimmte Rollen gewinnen durch sie den entscheidenden Beleg.


9. Heed & Deem in der Praxis

Ein vollständiger Arbeitstag, von Abend zu Abend.

Vorabend
Auswahlsitzung

Wartend sichten. Was wartet noch, was ist hinfällig? Dann eine bewusste neue Auswahl für morgen. Nicht die Reste des heutigen Tages weiterschieben. Vier Aufgaben, jede so geschnitten, dass sie genau ein Ergebnis produziert. Die Auswahl ist getroffen, bevor der nächste Tag beginnt.

08:00
Start

Aufgabe 1 ist bereits bekannt. Kommunikationskanäle sind geschlossen. Kein Entscheidungsaufwand zum Tagesstart.

08:15
Fokus-Phase

Volle Konzentration auf Aufgabe 1. Eingehende Mails und Tickets laufen als Routinearbeit. Sie kommen nicht in die Tagesauswahl.

10:15
Tagging

Aufgabe 1 ist fertig. Abhaken und flaggen: Viel Wirkung, Fokusarbeit, Mühelos, Selbstbestimmt. Drei Sekunden.

11:30
Not-Einschub

Ein kritischer Systemfehler tritt auf. Fremdbestimmt, aber bedeutsam. Not-Einschub. Die aktive Aufgabe wird abgebrochen und zurückgeschoben. Die Krise kommt auf die erste Position. Beim Abschluss: Wenig Wirkung, Fokusarbeit, Kraftraubend, Fremdbestimmt. Das ergibt Fremdbestimmt und kraftraubend.

15:00
Wartend

Aufgabe 3 braucht eine Freigabe. Der Ansprechpartner ist nicht erreichbar. Die Aufgabe wandert ins Wartend. Die Position wird frei. Die nächste rückt nach.

16:45
Tagesabschluss und Auswahlsitzung für morgen

Grobe Einschätzung, wie viel des Tages an die Routinearbeit ging. Nicht als Selbstvorwurf, sondern als ehrliches Bild. Dann die neue Auswahl für morgen: Was kommt zurück in die Tagesauswahl, was bleibt im Wartend, was fällt weg? Feierabend.


Glossar

Heed
Die erste Bewegung: bewusst auswählen, was heute wirklich zählt. Der tägliche Auswahlprozess.
Deem
Die zweite Bewegung: reflektieren, was es wert war. Der tägliche Rückblick.
Architect
Der einzelne Wissensarbeiter als vollständiger Anwender von Heed & Deem.
Tagesauswahl
Der lineare Tagesplan, Standard vier im Korridor drei bis fünf als Decke. Zugleich Begriff für die tägliche Planungshandlung.
Aufgabe
Eine Arbeitseinheit, die genau ein benennbares Ergebnis produziert und an einem Tag abschließbar ist.
Fokuszeit
Die bedeutsame, bewusst ausgewählte Arbeit auf der Tagesauswahl. Basis aller Metriken.
Routinearbeit
Tickets, Mails, Anrufe, Routine-Meetings. Kommt nicht in die Tagesauswahl.
Auswahlsitzung
Die einmalige tägliche Planung, wahlweise am Vorabend oder am Morgen. Kein automatischer Übertrag.
Eingangscheck
Die dreistufige Aufnahmeprüfung: Kalender-Test, Ergebnischeck, Tagescheck.
Wartend
Ablage für Fokusaufgaben, die heute nicht abschließbar sind. Kein Backlog.
Not-Einschub
Das Vorziehen einer bedeutsamen fremdbestimmten Aufgabe auf die erste Position. Die laufende Aufgabe wird zurückgeschoben.
Wirkungs-Anteil
Anteil der Aufgaben mit viel Wirkung an der gesamten Fokuszeit.
Fremdanteil
Anteil der fremdbestimmten Aufgaben an der Fokuszeit. Nie allein lesen.
Fokusarbeit-Anteil
Anteil der Fokuszeit, der in konzentrierte Fokusarbeit floss.
Fremdbestimmt und kraftraubend
Abgeleitet aus Fremdbestimmt und Kraftraubend.
Viel Aufwand, wenig Wirkung
Abgeleitet aus Kraftraubend und Wenig Wirkung.
Wirksam und leicht
Abgeleitet aus Viel Wirkung und Mühelos. Diagnostische Sicht, keine Leitkennzahl.
Kalenderhoheit
Dimension 1 des Arbeitskontexts: Grad der Eigenbestimmung über den Tagesrhythmus.
Kontext-Pluralität
Dimension 2 des Arbeitskontexts: ein oder mehrere Kunden, Projekte, Abteilungen.
Routinearbeit-Auswertung
Kontext-Modul für geringe Kalenderhoheit: tägliche Schätzung des Routinearbeits-Anteils am Tag.
Liegedauer-Regel
Optionale Hygiene-Konvention: Aufgaben, die mehr als sieben Tage im Wartend liegen, werden geprüft und entweder reaktiviert oder gestrichen.
Kategorie
Optionales Etikett an der Aufgabe für die rückblickende Auswertung. Kontext-Modul für mehrere Kontexte. Kein Planungs-Container.
Kern
Die sechs verpflichtenden Elemente. Ohne sie ist es kein Heed & Deem.
Kontext-Modul
Durch Kalenderhoheit oder Kontext-Pluralität gesteuert: Routinearbeit-Auswertung und/oder Kategorie.